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Impfen gegen Krebs? Legen - wait for it – Dary

Interview: Dr. Wolfgang Bühmann

Vielleicht hast du schon mal etwas von der Gebärmutterhalskrebs-Impfung gehört. Der richtige Name ist eigentlich HPV-Impfung, denn die HP-Viren (humane Papillomviren) sind der Auslöser für Gebärmutterhalskrebs. Die Impfung ist die erste Impfung gegen Krebs und kann sogar noch mehr als „nur“ Gebärmutterhalskrebs verhindern. Im Interview erklärt der Andro- und Urologe Dr. Wolfgang Bühmann, welche Mythen sich um das HP-Virus und die Impfung ranken und wer sich impfen lassen sollte (Spoiler: Alle!).

HPV: Wie, wo, was? 

 

HPV ist ein Virus (kurz für humanes Papillomvirus), was ein paar Besonderheiten aufweist. Zunächst einmal das wichtigste ist, es ist sexuell übertragbar, also beim oralen, analen, vaginalen Verkehr, eigentlich bei jedweder Technik des Geschlechtsverkehrs. Es kann zwischen Männern und Männern, Männern und Frauen, Frauen und Frauen übertragen werden und verursacht zwei verschiedene Krankheitsgeschehen. Zwei HPV-Typen verursachen Genitalwarzen bei Männern und Frauen und es gibt mehrere Typen, die bösartigen Erkrankungen, das heißt Krebserkrankungen, verursachen.

 

Der Gebärmutterhalskrebs zum Beispiel wird zu 100% von HP-Viren verursacht, das ist die einzige Ursache. Außerdem gibt es Analkrebs, also Krebs am After/Darmausgang, es gibt Krebs am Penis und es gibt Krebs am Mundboden-Rachenbereich, der auch von HP-Viren verursacht wird. Das heißt, alle beim Geschlechtsverkehr betroffenen Organe können befallen werden. Ungefähr 70% aller Menschen haben dieses Virus und haben das dementsprechend irgendwann in ihrem Leben mal akquiriert. Aber nur 3-4% der Infizierten werden auch krank. In diesem Fall kann man aber eben nicht sagen, dass wenn zum Beispiel Genitalwarzen auftreten, die von meinem*meiner aktuellen Geschlechtspartner*in übertragen wurden. Denn die Infektion mit dem Virus kann beim ersten Verkehr, oder bei irgendeinem anderen Mal übertragen worden sein und die Krankheit bricht dann irgendwann aus. Das ist so die Entstehung, oder das Wesen der HP- Viren.

 

Die Story mit der Türklinke: Wie kann ich mich anstecken?

 

Es gibt die Theorie, dass man sich an Türklinken oder was weiß ich anstecken kann, aber dieses Risiko ist nach dem was wir wissen, extrem gering. Es braucht einen direkten Schleimhautkontakt. Also zum Beispiel der Mundboden-Rachenraum hat Schleimhäute, Penis hat Schleimhäute, Anus hat Schleimhäute und Vagina hat auch Schleimhäute. Das heißt, das Virus dringt über Schleimhäute ein.

 

Und es ist relativ schwierig Schleimhautkontakt herzustellen über das Händeschütteln, oder am Waschbecken, Wasserhahn, oder an der Türklinke. Die Gefahr ist da minimal und es ist auch nicht wissenschaftlich erwiesen. Und ich meine, ein Schleimhautkontakt mit der Türklinke ist schon relativ schwierig rein praktisch gesehen. Gut, ich kenne alle möglichen Sexualtechniken, aber selbst mir ist eine Selbstbefriedigung mit der Türklinke noch nicht bekannt geworden. Das ist einfach technisch etwas schwierig. Ich würde einfach sagen, außerhalb der sexuellen Aktivitäten ist das praktisch risikolos.

 

Woher weiß ich, ob ich HPV habe?

 

Frauen, gerade jungen Frauen, empfiehlt man einen Abstrich vom Gebärmutterhals zu machen, um festzustellen, ob es Zellveränderungen gibt. Aber da wird nicht das Virus identifiziert, sondern Zellveränderungen am Gebärmutterhals. Und wenn der Abstrich auffällig ist, kann man auch eine Biopsie machen, also eine Probe aus dem Gebärmutterhals entnehmen, aus der dann das Virus isoliert werden kann. Aber der Abstrich reicht eigentlich, um festzustellen, ob es Zellveränderungen gibt und daraus wird dann der Verdacht erhoben, es könnte sich um eine HPV Infektion handeln, oder um eine Vorstufe von Gebärmutterhalskrebs.

 

Für Männer gibt es leider noch keinen Test. Bei Genitalwarzen kann man gucken, denn bei Männern kann man die sehen, bei Frauen leider nicht so gut. Aber die Genitalwarzen sind ja nichts Bösartiges. Das sind die Typen 6 und 11 und die bösartigen sind 16, 18 etc. Aber es gibt analog zum Gebärmutterhalsabstrich bei der Frau keinen Test für Männer. Ansonsten kann man am Anus, also am After, sowohl bei der Frau als auch beim Mann, am Mundboden- Rachenraum, Penis etc. nicht feststellen, ob da HP-Viren vorliegen oder nicht. Das heißt klar gesagt für den Mann gibt es keinen Test und für die Frau gibt es den indirekten Test über den Gebärmutterhalsabstrich.

 

Kann man HPV heilen?

 

Es gibt keine wirksame Therapie. Warzen kann man zum Beispiel mit Cremes, Laser, oder Eistherapie entfernen, aber man kann das Virus nicht eliminieren. Das Virus bleibt lebenslang im Körper. Auch Krebserkrankungen werden natürlich behandelt, wenn sie auftreten, aber auch hier bleibt das Virus.

„Fakt ist die Impfung ist sicher und sehr, sehr wirksam gegen alle Krankheiten, die mit HPV zusammenhängen“

Dr. Wolfgang Bühmann

Wie kann man sich schützen?

 

Wir haben seit 2007 die Möglichkeit, die Menschen durch die HPV Impfung zu schützen. Die Impfung wurde zunächst einmal von 2007 bis 2018 nur Mädchen empfohlen wurde mit der Vorstellung, dass, wenn alle Mädchen geimpft sind, auch die Jungs durch die Herdenimmunität geschützt sind. Der Begriff ist jetzt durch Corona bekannt. Das heißt, wenn viele geimpft sind, wird es nicht mehr nennenswert übertragen und es profitieren auch die, die nicht geimpft sind.

 

Die Lücke im Drehbuch ist aber leider, dass nur etwa 40% der Mädchen sich haben impfen lassen, sodass wir von dieser Herdenimmunität weit weg sind. Aber seit 2018, nach 10 Jahren Dornröschenschlaf, wird die Impfung für Jungen ebenfalls empfohlen und seitdem werden auch Jungs geimpft. Mittlerweile haben wir es geschafft, genauso viele Jungs zu impfen, wie Mädchen. Das heißt die Mädchen-Impfung ist in der Höhe ungefähr gleichgeblieben, aber die Jungs-Impfung ist stark gestiegen, sodass wir da auf einem guten Weg sind. Aber wir sind noch deutlich weg von der Herdenimmunität, die ungefähr bei 80% liegt. Deswegen ist es so wichtig, dass jeder Mensch sich impfen lässt.

 

Wer kriegt die Impfe?

 

Grundsätzlich ist das empfohlene Alter zwischen 9 und 14, wobei das nicht so ganz korrekt ist, denn entscheidend ist vor dem ersten sexuellen Kontakt. Warum? Vor dem ersten sexuellen Kontakt kann man davon ausgehen, dass man sich noch nicht mit den Viren angesteckt hat. Und dann braucht man nur eine Zweifach-Impfung, um den maximalen Impfschutz zu bekommen. Nach dem ersten sexuellen Kontakt, ob der jetzt mit 14, 13, oder 16 ist, ist die Dreifach-Impfung notwendig. Aber das ist auch nicht schlimm und man hat ebenfalls den vollen Impfschutz. Bis zum 18. Geburtstag wird die Impfung auch von der Krankenkasse bezahlt.

Shit, Impfung verpennt – Geht das auch noch nach dem 18. Geburtstag?

 

Obwohl die Impfung nur bis einschließlich 17 von den Krankenkassen bezahlt wird, ist sie darüber hinaus trotzdem noch wirksam. Das heißt, Erwachsene, die die Impfung versäumt haben, können sich auch immer noch impfen lassen. Das ist kein Problem mit der Zulassung des Impfstoffs, sondern es geht nur um die Bezahlung. In Australien zum Beispiel wird die Impfung auch bis 45 bezahlt.

 

Fakt ist, die Impfung ist sicher und sehr, sehr wirksam gegen alle Krankheiten, die mit HPV zusammenhängen. Es gibt bisher überhaupt gar keinen Grund, sich nicht impfen zu lassen. Ziel sollte es sein, dass jeder sexuelle aktive Mensch sich impfen lässt, weil natürlich auch jenseits von 18 Geschlechtsverkehr stattfindet. Das hört ja damit nicht auf, sondern der findet ja auch noch in höherem Alter statt. Der Schutz ist bei Älteren zwar nicht ganz so hoch wie bei Jugendlichen, aber immer noch bei circa 80%.

 

Ich hatte schon Sex, dann kann ich mich nicht mehr impfen lassen...oder?

 

Das ist Unsinn. Der Unterschied ist, dass wenn man sich vor dem ersten Sex impfen lässt, also meinetwegen zwischen 9 und 13, wenn man sich die Zahlen aus Deutschland jetzt so anschaut, braucht man nur zwei Impfungen und wenn man sich nach dem ersten Verkehr impfen lässt, braucht man drei Impfungen. Das ist vielleicht eine wichtige Information, die man weitergeben sollte. Es ist nicht so, dass es nach dem ersten Sex nicht mehr wirkt.

 

Kerngesund trotz HP Viren im Körper?

 

Wenn du auf der Straße rumläufst und dir 10 Leute willkürlich rausnimmst, kannst du davon ausgehen, dass sieben das Virus in sich tragen. Unabhängig vom Alter, Geschlecht, Aussehen - die haben das, wissen das aber nicht, weil die meisten Infektionen stumm verlaufen und die allermeisten Infektionen verlaufen auch ohne Krankheitszeichen.

 

Das heißt, es ist nicht so, dass jeder, der HP-Viren hat, Krebs kriegt, sondern das ist selten. Nur wenn man es kriegt, dann ist das misslich, weil man das oft auch über Jahre nicht merkt und man es dann, nachdem man es bemerkt, hat natürlich auch behandeln muss. Der viel bessere Weg ist ja eine Krankheit zu vermeiden, als zu warten bis sie auftritt und sie dann zu reparieren. Das ist ja auch immer so ein bisschen Zufall und Irrtum.

„Über die Zunge kann man kein Kondom ziehen, deswegen impfen!“

Dr. Wolfgang Bühmann

Das heißt, man kann sich nur mit der Impfung schützen?

 

Man kann natürlich mit Kondomen die Übertragung verringern. Aber dass das Kondom beim Oralverkehr nicht so maximal beliebt ist, weiß ich auch. Der größte und sicherste Schutz ist die Impfung. Und da es überhaupt gar keinen Grund gibt, sich nicht impfen zu lassen, verstehe ich im Grunde nicht, warum man über etwas anderes nachdenkt. Ich kann doch sagen, wenn ich eine maximale Möglichkeit habe, mich vor etwas zu schützen und das keine Nachteile für mich bringt, dann mach ich das doch.

 

Klar, das Kondom hat natürlich auch für andere sexuell übertragbaren Infektionen eine Bedeutung. Aber zum Beispiel vaginaler Oralverkehr also von Mann zu Frau geht ja nicht mit Kondom. Über die Zunge kann man kein Kondom ziehen, dass funktioniert einfach nicht. Und auch die Lecktücher und so weiter, das ist alles suboptimal. Also beim penetrativen Sex, Penis – Vagina, Penis – After, soll man ein Kondom verwenden. Aber nochmal: Am besten schützt die Impfung vor HPV!

 

Ist die Impfe safe?

 

Über 400 Millionen Impfungen sind bereits erfolgt auf der Welt. 400 Millionen – das ist eine ganze Menge. Erstens: nicht ein Todesfall; zweitens: kein Fall von Multipler Sklerose, was auch angeschuldigt wurde, kein Fall von neurologischen Störungen. Also, mit anderen Worten nichts, null, nada. Diese Stories, die da so rumgeistern, das sind Fake News, wie ihr das so sagt. Es ist klar, die Impfung ist total sicher. Es gibt überhaupt keine erwähnenswerten Nebenwirkungen, schon gar keine Langzeitschäden. Gar nichts. Und bei 400 Millionen kann man schon davon ausgehen, dass das erforscht ist, denn das ist eine Riesenzahl.

 

Und dein final Statement? 

 

Im Prinzip kann man sagen, jeder Mensch, egal welchen Geschlechts, oder welcher sexuellen Orientierung, jeder Mensch, der sexuell aktiv ist, sollte geimpft sein. Bei HPV sind diese sexuellen Differenzierungen gar nicht nötig. Jeder, der sexuell aktiv ist, kann HPV bekommen, die meisten haben es und der beste Schutz ist die Impfung. Fertig, Punkt, Aus! Ohne Wenn und Aber und vielleicht und Ausnahmen. Ganz einfach.

„Jeder, der sexuell aktiv ist, kann HPV bekommen, die meisten haben es und der beste Schutz ist die Impfung. Fertig, Punkt, Aus!“

Dr. Wolfgang Bühmann

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