SEX
SELBSTBEFRIEDIGUNG

Masturbieren ist der shit

Interview: Valerie Bachert

ND

Nicolai Diekmann

WB

Dr. Wolfgang Bühmann

Heute schon die Banane geschält oder die Maus geklickt? Taschenbillard gespielt oder das Honigtöpfchen verwöhnt? Nein? Warum eigentlich nicht? Selbstbefriedigung hat ihr schmuddeliges Image leider noch nicht ganz ablegen können. Dabei ist sie etwas so Schönes. Und gesund noch dazu. Im Gespräch mit dem Urologen Dr. Wolfgang Bühmann finden wir heraus, warum wir alle ein bisschen öfter (runter) kommen sollten.

Jetzt mal ehrlich: Wer macht es?

WB      Mädchen und Jungs, jung und alt – im Prinzip alle. Masturbieren ist die urälteste Form der sexuellen Stimulation. Und doch wird zu kaum einem Thema so viel gelogen.

 

Wie offen gehen Patienten mit dem Thema um, die zu Ihnen in die Praxis kommen?

WB     Erst einmal verschämt. Selbst dem eloquentesten Mann verschlägt es dann die Sprache, weil er nicht weiß, wie er das Thema ansprechen soll. Selbstbefriedigung ist kein absolutes No-Go mehr, aber noch längst nicht enttabuisiert. Entsprechend halten sich noch immer absurde Gerüchte: Masturbieren sei schädlich, es mache krank, es störe die sexuelle Entwicklung. Das ist natürlich alles Unsinn.

 

Welche Auswirkung hat Selbstbefriedigung denn auf unseren Körper und Geist?

WB     Sexuelle Befriedigung ist ein Baustein der seelischen Stabilität und sorgt für die Balance zwischen Körper und Geist. Auf welchem Wege wir das erreichen, ob durch Selbstbefriedigung oder Geschlechtsverkehr, ist egal. Bleibt die Befriedung aus, werden wir ungehalten, angespannt oder sogar aggressiv. Deshalb kann ich nur dazu raten: Legt los, es ist nichts Falsches daran – im Gegenteil!

Und ab welchem Alter kann’s losgehen?

WB     Das ist bei jedem anders. Jenachdem, wann die Pubertät einsetzt. Durch die Ausschüttung bestimmter Hormone entwickelt sich ein sexueller Trieb, die Geschlechtsorgane werden stärker durchblutet. So grob kennen die meisten dann schon ihren eigenen Körper. Doch plötzlich verändert sich noch mal einiges. Haare wachsen, Körperteile auch. Was passiert, wenn ich hier reibe und dort drücke? Mag ich das? Fühlt sich das gut an? Die Haut ist dabei ganz wichtig. Nicht nur „untenrum“, sondern überall. Wie unterschiedlich können Berührungen sein, und was lösen sie aus? Das muss man nicht lernen und nicht lehren, das kommt ganz automatisch, ohne Bedienungsanleitung. Dabei erkundet jeder auch die Grenzen von Lust und Schmerz, nach dem Prinzip Trial and Error.

 

Irgendwann kommt der Wunsch auf, die Erregung zu steigern. Bei aller Experimentierfreude: Was hat sich Ihrer Erfahrung nach als „Error“ erwiesen?

WB     Der Staubsauger sollte im Schrank bleiben. Kein Witz. Den Penis da reinzustecken ist echt eine blöde Idee. Und es kann lebensverändernde Folgen durch Verletzungen haben. Eine Rekonstruktion nach Zusammenstoß mit dem Staubsauger-Ventilator ist meist zwar möglich, aber das Ergebnis wird nie wieder so schön, wie es mal war. Von den Schmerzen mal ganz abgesehen.

Verstanden. Staubsauger sind tabu.

Worauf sollte ich achten, wenn ich trotzdem was Neues ausprobieren will?  

WB      Behutsam vorgehen und kleine Schritte machen. Ein Beispiel: der Penisring. Eigentlich ist das Prinzip ja einfach: Ring drüber, der Penis wird steif, alles ganz geil. Ungünstig ist aber, man hat direkt den engsten und härtesten ausgesucht und kriegt ihn plötzlich nicht mehr ab! Da kann dann nämlich nur noch die Feuerwehr oder der Arzt helfen. Besonders kritisch sind Ringe aus Metall. Deshalb bei jeglichem Spielzeug immer besser zu flexiblen Materialien wie Gummi oder Silikon greifen. Die dehnen sich, lassen sich biegen und passen sich besser an. Und ansonsten einfach die Finger benutzen! Mit denen kann man sowieso viel besser vorfühlen, was gefällt und was nicht.

 

Inwieweit wirkt sich das Selbst-Hand-Anlegen auf das Sexualleben mit dem_der Partner_in aus?

WB      Das ist ganz einfach: Je besser ich meinen Körper kenne und weiß, was ich mag, desto leichter kann ich das meinem Partner oder meiner Partnerin vermitteln. Wem es unangenehm ist, darüber zu sprechen, der kann damit starten, die Hände des anderen zärtlich in die „richtige“ Richtung zu bewegen. Je vertrauter und offener der Umgang mit sich selbst und untereinander, desto besser das gemeinsame Erlebnis.

Auspeitschen und Gruppensex statt zärtlicher Kuschelsex zu zweit. Manch einer denkt beim Masturbieren an Sachen, die er in der Realität nicht macht – warum?

WB      Das Kopfkino kann zusätzlich stimulieren und damit die Erregung fördern. In diesem unserem kleinen privaten Darknet können wir all unsere Fantasien ausprobieren. Ohne moralische Hürden, ohne sexuelle Zwänge – und vor allem, ohne andere Menschen zu verletzen. Sowohl emotional als auch körperlich. Das heißt nicht, dass ein Junge, der an Jungs denkt, automatisch homosexuell ist. Und nicht jedes Mädchen, das ans Ausgepeitschtwerden denkt, will im echten Leben tatsächlich ausgepeitscht werden. Doch es zeigt ein Interesse am Experimentieren. Viele trauen sich leider aber nicht so richtig, ihre Fantasien zur Sprache zu bringen. Aus Angst, Scham oder Unsicherheit. Da ist er wieder, der moralische Zwang. Das ist sehr schade. Eventuell dunkle, stimulierende Fantasien müssen ihre Grenzen an der Würde und dem Recht auf Unversehrtheit des Gegenübers finden. Also: träumen, jedoch niemals gegen den Willen des anderen umsetzen.

 

Was wollen Sie denen, die unsicher sind, mit auf den Weg geben?

WB      Ich möchte alle Menschen dazu aufrufen, von Tabus abzulassen und das eigene Sexualleben nur mit der selbst gewählten Diskretion auszuleben, nicht mit der, die eine Gesellschaft vorschreibt. Seid offen für Neues, seid respektvoll zueinander und begegnet einander ohne Vorurteile. Bedenkt auch, dass Sex weit mehr ist als der reine Geschlechtsakt mit einem Orgasmus als Höhepunkt – nämlich gelebte Zärtlichkeit als Ausdruck ehrlicher Gefühle. Dann macht Sex und alles, was dazugehört, am meisten Spaß! 

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