BODY & BODY POSITIVITY

Ist meine Vulva normal?

Interview: Nadine Kaminski

AS

Dr. med. Anne-Cathrin Stahr

Das eigene Geschlechtsteil kennen viele von uns viel schlechter als den Rest ihres Körpers. Dabei ist es doch so spannend! Wie Mädchen eigentlich im Detail „da unten“ aussehen, was unsere Vulva alles Tolles kann und warum, haben wir die Gynäkologin Dr. med. Anne-Cathrin Stahr aus München gefragt.

Vagina oder Vulva? Was ist der Unterschied?

AS     Vulva heißt der äußere Bereich der primären weiblichen Geschlechtsorgane. Zur Vulva gehören die großen und kleinen Schamlippen, die Klitoris und die Bartholin-Drüsen. Die Vagina ist nur der acht bis zehn Zentimeter lange Muskelschlauch, der vom Scheideneingang zur Gebärmutter führt. Das Jungfernhäutchen trennt diese äußeren und inneren Geschlechtsorgane bis zum ersten Geschlechtsverkehr.

 

Gibt es das überhaupt, eine „normal“ aussehende Vulva?

AS     So wie jedes Gesicht unterschiedlich aussieht, sieht auch jede Vulva anders aus. Bei manchen Frauen sind die kleinen Schamlippen zum Beispiel länger als die großen. Das ist kein Grund zur Sorge und erst recht kein Grund, sich zu schämen.

 

Wozu sind die Bereiche der Vulva gut?

AS     Die Schamlippen enthalten verschiedene Drüsen, die das Geschlechtsorgan vor Keimen schützen und befeuchten. Die Haare der äußeren Schamlippen schützen Vulva und Vagina zusätzlich vor Kälte, Hitze oder Krankheitserregern, sie wirken wie eine Art „Klimaanlage“.

Eine wichtige Funktion hat natürlich auch die Klitoris: Wenn sie gestreichelt wird, finden die meisten von uns das super – Vagina und Vulva werden dann feucht.

 

Wie funktioniert dieses Feucht werden eigentlich genau?

AS     Lubrikation heißt das auf schlau. Sobald wir sexuell erregt sind, werden Vulva und Vagina viel stärker durchblutet. In der Scheide wird Flüssigkeit aus den Blutgefäßen durch die Scheidenwand transportiert, und die Bartholin-Drüsen – sie sind paarig, etwa erbsengroß und münden an der Innenseite der kleinen Schamlippen – bilden ein Sekret, das den Sex erleichtert.

 

Wie viel und wie schnell, ist von Frau zu Frau verschieden und hat auch etwas mit dem Östrogenspiegel zu tun. Je mehr Östrogen da ist, desto einfacher und stärker wird Feuchtigkeit gebildet. Vor dem Eisprung und in der Schwangerschaft ist der Östrogenspiegel besonders hoch, und das Feuchtwerden wird erleichtert. Die Pille wiederum senkt den Östrogenspiegel. Das kann die Lubrikation etwas erschweren.

Wie sieht die Klitoris aus der Nähe aus? Und wie finde ich sie?

AS     Was viele nicht wissen: Die Klitoris ähnelt in ihrem Aufbau tatsächlich dem Penis. Auch sie enthält Schwellkörper, eine Eichel und hat eine kleine Vorhaut. Man findet sie als kleines Knöpfchen, wenn man die großen Schamlippen spreizt, unterhalb des Schamhügels mittig am Ansatz der kleinen Schamlippen und oberhalb des Harnröhrenausgangs.

 

Was genau ist der G-Punkt? Hat jede Frau einen? Und wo liegt der?

AS     Über den G-Punkt streiten sich die Leute bis heute. Er ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen und steht auch nicht im Anatomiebuch. Der Gynäkologe Ernst Gräfenberg hat ihn 1950 zuerst beschrieben, daher der Name. Es soll ein etwa zwei Zentimeter großer Bereich an der vorderen Scheidenwand sein, der besonders erogen auf Berührungen reagiert. Zu finden ist diese Zone, wenn man vier bis fünf Zentimeter vom Scheideneingang entfernt nach innen und vorn in Richtung Bauch tastet. Man sollte sich allerdings keine Sorgen machen, wenn man da nichts Besonderes spürt. Es ist individuell verschieden, wo die Zonen sind, die einem Spaß bringen.

Hilfe, weißer Ausfluss im Höschen! Soll das so? Kann man „zu viel“ Ausfluss haben? 

AS     Der weiße Ausfluss ist das Sekret, das Scheidengewebe und Bartholin-Drüsen ständig bilden. Er hält die Scheide feucht und hilft, Krankheitserreger abzuwehren. Jede Frau hat unterschiedlich viel Ausfluss. Nicht nur bei sexueller Erregung, auch vor der Periode und in der Schwangerschaft wird dieser Ausfluss mehr.

 

Wenn sich Farbe, Geruch und Konsistenz verändern, kann das allerdings ein Zeichen für eine Infektion sein, die behandelt werden muss. Dann lieber schnell zum Frauenarzt! Vor allem, wenn Juckreiz, Brennen und Schmerzen dazukommen.

 

Wie halte ich meine Vulva und Vagina gesund?

AS     Wasch deinen Genitalbereich am besten nur mit Wasser. Seife und Intimwaschlotionen sind unnötig und oft sogar schädlich, weil sie die körpereigenen Schutzfunktionen stören und so das Eindringen von Erregern fördern können. Außerdem solltest du möglichst atmungsaktive Unterwäsche aus natürlichen Materialien, zum Beispiel Baumwolle, tragen und sie immer bei mindestens 60 Grad waschen. Erst dann werden Keime abgetötet.

 

Nach dem Sex geh am besten schnellstmöglich auf die Toilette zum Wasserlassen – das spült viele frische Keime einfach wieder hinaus. Und ganz wichtig: auf der Toilette nur von vorn nach hinten wischen, damit man keine Darmkeime in die Vagina reibt. Aus dem gleichen Grund: direkt nach dem Analverkehr bitte kein Vaginalverkehr. Und am besten nicht ständig knallenge Hosen tragen – Hitze und Feuchtigkeit stauen sich darunter, ein Fest für Keime & Co.!

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