SEXUALITÄT
PRIDE

Warum sexuelle Identität nichts mit Sex zu tun hat

MM

Marvyn Macnificient

MB

Martina Bertacchi

SK

Sebastian Körner

Muss ich überhaupt genau wissen, „was“ ich bin? Und was sagt das darüber aus, mit wem ich ins Bett will? Content Creator und Make-up Artist Marvyn Macnificent hilft zu verstehen, wieso das eine nichts mit dem anderen zu tun hat.

Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung sind nicht miteinander verknüpft

 

Menschen sind verschieden. Wir unterscheiden uns durch unsere soziale und ethnische Herkunft, durch Alter und Geschlecht, durch geistige und körperliche Fähigkeiten und auch durch unsere sexuelle Orientierung. All diese Unterschiede machen niemanden besser oder schlechter. Im Gegenteil: Unsere größte Stärke und Gemeinsamkeit ist die Einzigartigkeit jedes Individuums.

 

Die Geschlechtsidentität und die sexuelle Orientierung sind nicht miteinander verknüpft, auch wenn viele das denken. Als was du dich identifizierst, hat nichts damit zu tun, mit wem du schläfst. Geschlechtsidentität bezeichnet das Bewusstsein darüber, welchem Geschlecht du dich zugehörig fühlst. Diese Überzeugung kann sich bereits in einem sehr frühen Alter entwickeln und stimmt nicht zwingend mit deinen biologischen Merkmalen überein.

 

Will heißen: Man kann mit Vagina oder Penis geboren werden, aber dennoch feststellen, dass man sich nicht als Frau oder Mann identifiziert. Abgesehen davon, dass es auch Menschen gibt, die nicht mit eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden, hat Geschlechtsidentität etwas mit dem inneren Bewusstsein zu tun. Fühle ich mich als Mann, als Frau oder gar als keines von beiden? Kann und will ich mich überhaupt in eine dieser Kategorien einstufen? Das entscheidet jeder Mensch für sich selbst. Wie früh dieses Bewusstsein überhaupt auftritt, ist sehr vom Umfeld des Einzelnen abhängig: Wie sind die familiären Verhältnisse, wie stark die Offenheit und Toleranz im nahen Umfeld? Ich darf mich da sehr glücklich schätzen.

Free minds grow big

 

Meine Familie hat meiner persönlichen Entfaltung nie irgendwelche Grenzen gesetzt. So konnte ich mich zum Beispiel schon immer so kleiden, wie ich es wollte. Gesellschaftliche Geschlechterrollen spielen hier natürlich auch eine große Rolle. Du bist nicht gleich ein Mädchen im „falschen Körper“ oder willst eines sein, nur weil du etwa gern mit Puppen spielst, lieber tanzen gehst, als Fußball zu spielen, oder dich für Make-up interessierst. Umgekehrt gilt das Gleiche für Mädchen.

 

Das hat nichts mit Geschlechtsidentität zu tun, sondern es sind einfach verschiedene Interessen. Sehr wohl kann man sich als Frau identifizieren, auch wenn man Fußball mag, das bedeutet nicht, dass man ein Mann sein will. Es bedeutet genauso wenig, dass man homosexuell ist, wenn man vielleicht Dinge interessant findet oder sich so kleidet und stylt, wie es der Norm nach vom anderen Geschlecht bevorzugt wird. Diese Vorurteile und Geschlechterrollen sind leider in unserer Gesellschaft tief verankert und deswegen auch in den Vorstellungen vieler Menschen, da ihnen nie etwas anderes beigebracht wurde. Nicht jeder hat in seinem unmittelbaren Umfeld eine Person, die wirklich Einblick in diese Thematik hat. Deshalb ist es unsere und besonders auch meine Aufgabe zu educaten!

Und jetzt konkret?

 

Dazu gern ein Beispiel: Ein Baby wird mit offensichtlich männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, outet sich im Teenageralter aber als transsexuell. Transsexuell bedeutet, dass sich die Person dem jeweils anderen biologischen Geschlecht zugehörig fühlt. Häufig unterzieht sie sich dann einer Geschlechtsanpassung durch eine oder auch mehrere Operationen.

 

Wenn die äußeren Geschlechtsmerkmale endlich dem inneren Empfinden angepasst wurden, sagt das nichts über die sexuelle Orientierung dieser Person aus. Ob jemand nun hetero-, homo-, bi-, pan-, whatever-sexuell ist oder nicht, weiß man dann immer noch nicht. Genauso wie man spürt, mit welchem Geschlecht man sich identifiziert, ob man Probleme mit den eigenen Geschlechtsmerkmalen hat oder nicht, genauso fühlt man auch ziemlich eindeutig, welches Geschlecht man anziehend findet. Sexuelle Erregung hat gar nichts mit der eigenen Geschlechtsidentität zu tun.

„Unsere größte Stärke und Gemeinsamkeit ist die Einzigartigkeit jedes Individuums.“

Marvyn Macnificent

„Small minds try to keep everyone small”

 

Ich war schon immer ein wenig anders als die anderen Jungs und habe mich nie wirklich als „typisch“ männlich identifiziert. Früher dachte ich auch, dass etwa Interessen und Kleidungsstil maßgeblich dafür seien, was männlich ist und was nicht. Ich mochte lange Haare, Schlaghosen, Barbies und Puppen – aber auch mal Pfeil, Bogen und Schwert! Doch diese Dinge bestimmen weder meine sexuelle Orientierung noch meine Geschlechtsidentität. Man kann nicht einfach aufgrund von Oberflächlichkeiten urteilen und dann ein Label draufkleben. Entscheidend ist das innere Empfinden.

Ich möchte mich in keine Schublade stecken lassen

 

Ob ich mich mit meinem Körper und meinen männlichen Geschlechtsmerkmalen wohlfühle und identifizieren kann und wer mich sexuell anspricht und wer nicht, das sind Gefühle und Empfindungen, die niemand sehen kann. Das kann nur ich selbst wissen. Ich versuche, mir keine Gedanken darüber zu machen, mit welchem Geschlecht ich mich nun letztendlich identifiziere.

 

Es gibt männlich, weiblich, mittlerweile auch das offizielle dritte Geschlecht divers und von mir aus auch noch mehr. Für manche scheint dies extrem zu sein, aber ich möchte mich in keine dieser Schubladen stecken lassen. In meinen Ausweisdokumenten steht „männlich“, aber für mich persönlich spielt dies keine Rolle. Ich fühle mich so wohl, wie ich bin. Ich liebe meine Genderparts und ekele mich weder vor ihnen, noch habe ich das Gefühl, dass sie nicht zu mir gehören.

 

Nur weil ich oft enge Klamotten, Perücken oder Make- up trage, bedeutet das nicht, dass ich mich im falschen Körper fühle und eine Geschlechtsanpassung möchte. Viele wollen mich unbedingt in eine ihnen bekannte Schublade stecken – mir ist das egal, ich weiß, wer ich bin. Es gibt für mich mehr im Leben als den Drang, mich perfekt zu kategorisieren und zu labeln. Würde ich das probieren, würde ich viel zu viel Kraft und Energie in etwas stecken, was für mich keine Bedeutung hat. Das heißt nicht, dass ich dagegen bin, wenn jemand sich ganz eindeutig mit einem „offiziellen“ Geschlecht oder einer sexuellen Orientierung identifiziert.

Jeder sollte sein Leben genau so leben, wie es für ihn am einfachsten und schönsten ist. Ob als heterosexuelle Frau, schwuler Transmann, bisexueller Divers oder jemand anderes – am Ende zählt nur, dass wir alle Menschen sind. Und das macht uns gleich.

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